6-Punkte-Ausbildungsskala - Von Takt bis Versammlung

Pferde sind von Natur aus nicht dafür geschaffen, Lasten auf ihrem Rücken zu tragen. Somit ist also ihr Exterieur auch nicht für Reiter ausgelegt. Deshalb sollte die Gesunderhaltung des Pferdes für jeden Besitzer an oberster Stelle stehen. Die Ausbildung eines Reitpferdes ist komplex und sollte immer von Profis vorgenommen werden.

Die Ausbildung eines Pferdes braucht Zeit, damit sich der Körper und die Psyche entsprechend entwickeln können und das Pferd nicht überlastet wird. Dazu wurde für die Ausbildung eines Reitpferdes eine Ausbildungsskala entwickelt. In dieser nehmen das Wohl und die Gesunderhaltung des Pferdes den höchsten Stellenwert ein und basieren nach wie vor auf den Grundsätzen der klassischen Reitkunst. Sie bildet den Grundstein in der Ausbildung zum Reitpferd, egal in welcher Disziplin. Denn nicht nur für Dressurpferde, sondern auch für Spring- und Vielseitigkeitspferde stellt sie eine wichtige Basis dar.

Die sechs Punkte der Ausbildungsskala

1. Der Takt

Als Takt wird ein zeitliches und räumliches Gleichmaß der Schritte in den drei Grundgangarten verstanden. Er soll später in allen Tempi erhalten bleiben. Zu den Tempi zählen Arbeitstempo, Verstärkung und Versammlung. Um dies zu erreichen und zu festigen muss man das Grundtempo des Pferdes einhalten und gefühlvoll mit den Zügelhilfen mitgehen.

2. Die Losgelassenheit

Die Losgelassenheit als zweiter Punkt der Ausbildungsskala bedingt sich sowohl mit dem Takt und ist darüber hinaus die Voraussetzung für die weitere Ausbildung des Pferdes. Taktmäßige Bewegungen können nur durch einen schwingenden Rücken mit einer zwanglos an- und abspannender Muskulatur erreicht werden. Für die Losgelassenheit ist das Aufwärmen von Muskulatur, Sehnen und Bänder äußerst wichtig und verbessert damit die Rückentätigkeit des Pferdes. Daraus folgt das Herantreten der Hinterhand und bildet die Basis für die weiteren Ausbildungspunkte.

Zu den lösenden Lektionen gehören unter anderem:

  • am langen Zügel gerittener Mittelschritt,
  • das Reiten auf großen gebogenen Linien im Leittrab oder Galopp,
  • Handwechsel und Übergänge, Tempi Unterschiede.

3. Die Anlehnung

Besteht die Losgelassenheit des Pferdes, wird eine stetig, weich federnde Anlehnung von Reiterhand zum Pferdemaul möglich. Das Pferd sucht dabei die Anlehnung an das Gebiss und tritt an die Reiterhand heran. Durch die Anlehnung kann das Pferd an Sicherheit gewinnen und sein natürliches Gleichgewicht unter dem Sattel finden, um weiterhin taktrein und ausbalanciert zu laufen. Die Anlehnung sollte zu keiner Zeit durch starke Einwirkung der Zügel erzwungen werden. Das Pferd muss freiwillig an die Hand des Reiters herantreten, damit eine Losgelassenheit erhalten bleiben kann.

4. Der Schwung

Als Schwung wird der energische Impuls aus der Hinterhand und dessen Übertragung über den Rücken in die Vorwärtsbewegung definiert. Er ist das Ergebnis aus Takt, Losgelassenheit und Anlehnung. Das schwungvoll laufende Pferd zeigt deutlich mehr Aktion in den Vorderbeinen mit ausgeprägter Schwebephase, in der Trabverstärkung mehr Raumgriff und in der Galoppverstärkung mehr Bodengewinn.

5. Das Geraderichten

Damit das Pferd in allen Gangarten, Tempi und Richtungen gleichmäßig läuft, muss es sich Gerade richten. Das bedeutet also, dass Vorhand und Hinterhand aufeinander eingespurt sind. Ein Gerade gerichtetes Pferd hat eine verbesserte Schubkraft und Durchlässigkeit. Das Geraderichten ist die Vorbereitung der Versammlung und wird erreicht durch das Reiten auf großen gebogenen Linien mit Handwechsel und Übergängen sowie Schlangenlinien und Schenkelweichen.

6. Die Versammlung

In der Versammlung wird die Hinterhand des Pferdes mehr gebeugt und der Schwerpunkt verlagert sich immer weiter nach hinten. Die Schubkraft wird mit abfangenden Zügelhilfen über den Rücken in die Hinterhand gegeben, wodurch diese mehr Last aufnimmt. Es kommt zu vermehrter Hankenbeugen und das Pferd läuft „bergauf“. Erreicht werden kann die Versammlung zum Beispiel durch das Reiten von Tempounterschieden, Rückwärtsrichten, Antraben aus dem Stand sowie Schritt-Galopp-Übergänge und Volten.

Die sechs Punkte der Ausbildungsskala sollten nicht einzeln betrachtet werden, sondern alle bedingen sich immer gegenseitig. Bei guter Ausbildung eines Pferdes führen sie zu immer mehr Durchlässigkeit und Gleichgewicht. Und das ist auch das große Ziel der Ausbildung eines Reitpferdes.

Ein gut gerittenes Pferd, nimmt durchlässig die Hilfen des Reiters ohne Zwang an und reagiert sofort darauf. Zügelhilfen wirken vom Maul über Genick, zum Hals und den schwingenden Rücken bis hin zur Hinterhand des Pferdes. Dabei orientiert sich die klassische Reitlehre an den Bedürfnisse und die Natur des Pferdes. Individuelle Anlagen und körperliche Voraussetzungen des Pferdes werden berücksichtigt.

Das Pferd soll durch verschiedene Übungen gymnastiziert und gekräftigt werden. Dabei sollte die Ausbildung immer abwechslungsreich und vielseitig gestaltet werden, damit das Pferd leistungsbereit und vertrauensvoll mitarbeitet. Der Reiter muss die Kontrolle über seinen Körper haben und über einen elastischen und ausbalancierten Sitz verfügen. Dazu kommt eine feine Hilfegebung sowohl über den Sitz wie auch mit der Reiterhand.

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